Das Phänomen Tingel-Tangel

Ob die Currywurst nun aus Hamburg oder Berlin stammt, ist eine Glaubensfrage, aber dass das „Tingel-Tangel“ in Berlin seine Wurzeln hatte, ist ein Fakt. Tingel-Tangel bekam seinen Wortstamm durch einem Gesangskomiker

namens Tange, der um 1840 regelmäßig im Berliner Triangelbau auftrat. Daraus wurde dann umgangssprachlich eben Tingel-Tangel.

rostia_may_aushangfoto-tingel-tangelAls 1868 im Mutzenbacher, einem Unterhaltungslokal auf St. Pauli, das Tangsche Couplet aufgeführt wurde, sangen die Besucher den Refrain kräftig mit, wedelten mit ihren Schlüsseln oder ließen ihre Gläser klirren.
Dieses kulturelle Unterhaltungsphänomen des Mitsing-Varietes hielt sich jahrelang und wurde von anderen St. Pauli Bühnen kopiert.
Die gesellige Form war ein Gegenentwurf zu dem anspruchsvollen Theater und versprach Spaß.
Immer mehr Tingel-Tangel-Bühnen eröffneten auf der Meile, in der die gut gelaunten Besucher, auf die nun meist weiblichen Interpretinnen in ihren knappen glitzernden Outfits aufschauten. Bezahlt wurden diese mit Anteilen auf den Alkoholausschank oder ließen nach den Darbietungen einen Hut herumgehen. Auf Drängen der Wirte setzten sie sich auch zu den männlichen Gästen und ließen sich gerne einladen

Die Wahrnehmung aus kultureller und sozialer Sicht jedoch gegenüber dem Tingel-Tangel durchgehend negativ. 1874 wurden „Tingel-Tangel … und Liebhaber-Theater“ als „Pflanz- und Brutstätten der Prostitution“ bezeichnet, gegen die die Polizeidirektion vorgehen müsse.

Die Hochzeit des Tingel-Tangel war während des Französisch-Deutschen Krieges, denn abends wurden auf den Bühnen die Telegramme mit den Siegesmeldungen verlesen, was die ganzen Läden in eine kollektive nationale Hysterie versetzte. In den Gründerjahren, die mit den Reparationszahlungen in Höhen von 5 Milliarden Goldfranken der Franzosen, eingeleitet wurden, wurde das Amüsement immer mondäner. Champagner statt Bier, teure Geschenke für die Damen statt Huterlöse.
Doch wie jede Welle ebbte auch das Tingel-Tangel ab, als sich die Besucher anderen Unterhaltungsformen zuwandten. Doch der Name ist geblieben. Heute steht er für wandernde Kleinkunst („tingeln“) und billige Tanzlokale.

A La Charm

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